Arbeitet Ihr auch systemisch?

 

Wiederholt wurden ich in den letzten Wochen gefragt, was es mit der zunehmend häufigeren Zusatzbezeichnung „systemisch“ bei Bildungsangeboten auf sich hat und ob die Outdoorpädagogik auch systemisch arbeitet? Hier ein kurze Klärung zu dieser Frage:

 

Ein systemischer Ansatz zeichnet sich im Grunde dadurch aus, dass die Vertreter/-innen sich nicht auf den/die Problemträger/-in konzentrieren, sondern das jeweils ganze System in den Blick nehmen. Der/die Einzelne wird nur in soweit als Individuum betrachtet, wie er/sie als Element auf das System wirkt und wie er/sie dessen Wirkungsfeld ausgesetzt ist. So sieht z.B. die systemische Beratung und Therapie in jedem Individuum immer auch eine/n „Symptomträger/-in“ und berücksichtigt damit, dass die Problematik, die sich am Individuum zeigt, nicht unbedingt dessen/deren ureigene und isoliert zu betrachtende Sympto­matik sein muss. Aus systemischer Sicht manifestiert sich am/an der Problemträger/-in eine Irritation oder Störung, welche ihre Ursache im Gesamt­system z.B. in einem gestörten Ablauf hat. Gleichsam ist aus dieser Sichtweise auch der Erfolg eines Individuums zugleich immer der Fort­schritt eines lebendigen und lernenden Systems. Systemisch ist ein Vorgehen also immer dann, wenn eine Problemstellung kontextualisiert wird.

Ein kurzes Beispiel dazu: Das momentane unmotiviert-ablehnend-aggressive Verhalten des/der Mitarbeiters/-in Heinz/Veronika Mustermann/frau kann aufgrund seiner/ihrer ganz persönlichen Lebenssituation, verschiedener biographischer und/oder aktueller privater Ereignisse entstanden und begründet sein. Kontextualisiert man das Verhaltensproblem es/der Mitarbeiters/-in Heinz/Veronika Mustermann/frau, so kann unter Umständen aber auch deutlich werden, das sein/ihr Verhalten durchaus „Sinn“ macht und eine Folge oder Reaktion auf spezifische Rückwirkungen des Systems „Arbeit im Team“ (z.B.: Rahmenbedingungen, praktizierte Führungsstile, fehlende Zielorientierung, latente Konflikte im Team oder negative klimatische Faktoren u.v.m.) darstellt. D.h., dass zumindest drei Varianten angedacht werden können:

  1. Zum einen wäre dann das Problemverhalten von Heinz Mustermann (a) Ausdruck und Folge innerer Gegebenheiten und
  2. zum anderen ein (b) Problemverhalten aufgrund der Systemkonstellationen und -einflüsse.
  3. Konsequenterweise gibt es dann aber auch noch eine dritte Variante, die davon ausgehen muss, (c) dass die beiden zuvor genannten einander wechselseitig bedingen und/oder ergänzen und nur in dieser Kombination auftreten.

Beim - fälschlicher Weise immer wieder als Gegensatz behaupteten - analytischen Vorgehen liegt der Fokus der Betrachtung des Verhaltens und der Vorgänge gezielt auf der einzelnen Person. Dabei werden schwerpunktmäßig seine/ihre Insuffizienzen und Unzulänglichkeiten, wie Irrtümer, Anma­ßungen, Egozentrismen, falsch gespielte Rolle, etc. ergründet, aber ebenso seine/ihre Stärken, Talente, Kompe­ten­zen, Entwicklungs­chancen usw. entdeckt. Soweit ich die professionelle Szene übersehen kann, besteht Einigkeit darin, dass ein guter Ansatz immer eine Kombina­tion darstellt: Er ist systemisch und analytisch zugleich und kommt erst auf diese Weise einem ganzheitlichen Ansatz nahe. Denn es geht immer gleichzei­tig um die Qualifikation des Einzelnen im System und um die Qualifikation des Sy­stems, das Einzelne in Beziehung setzt.

 

Im Grund sind systemisch und analytisch zwei Seiten ein und derselben Medaille! Um auf die Eingangsfrage zurückzukommen und diese zu beantworten, sage ich: Die Outdoorpädagogik fühlt sich einem bestmöglich ganzheitlichen Ansatz (dazu kämen dann noch die Elemente „Prozess“, „Dynamik“ und „psycho-sozial-interaktiver Bereich“) verpflichtet! Bei anderen Anbietern/innen, welche diesen Zusatz in Ihren Angeboten führen, würde ich empfehlen dezidiert nachzufragen und sich zu informieren, was diese unter "systemisch" verstehen bzw. damit konkret meinen.

 

MH/15.02.2014


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Arbeitet Ihr auch systemisch?
Eine Klärung: Welchem Ansatz fühlt sich die Outdoorpädagogik verpflichtet?
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