Sind wir Kaiser?

Gegen die Leichtgläubigkeit und unkritische Akzeptanz

Als kritischer Beobachter der Bildungslandschaft muss man auf das Äußerste amüsiert und unterhalten sein, wenn man beobachtet in welchen immer neuen und bunteren Kleidern alte pädagogische Grundsätze als sogenannte Neuschöpfungen oder -entwicklungen, Besonderheiten, besonders aktuelle Ideen usw. daherkommen. Das Alte, Bekannte und Gültige wird kostümiert und vor allem aufwendig neuinszeniert.


Erinnern Sie sich an das Märchen „Des Kaisers neue Kleider“? In diesem Märchen verkaufen zwei ausgefuchste Betrüger dem Kaiser für viel Geld unsichtbare Kleider. Diese „besonderen Kleider“ können – so die beiden geschäftstüchtigen Gauner - nur von Personen gesehen werden, die nicht dumm und ihres Amtes würdig seien. Selbstverständlich kann der Kaiser - ob seiner eigenen Unsicherheit - nicht zugestehen, dass er selbst die besonderen Kleider auch nicht sehen kann. In der Folge sind die Menschen, denen er seine neuen Gewänder präsentiert, begeistert und bewundern die prachtvollen Stoffe, die unvergleichlich-einmaligen Schnitte sowie die unsagbar schönen Spitzen und Verzierungen. Ein Kernproblem unserer Gesellschaft!? Ängste und Unsicherheiten, Sinnsuche, die gesellschaftliche Stellung oder das Gefühl bei jedem noch so schwindligem Bildungstrend dabei sein zu müssen, treiben dieses Spiel immer weiter und intensiver an.


Demnach lassen sich zunehmend immer deutlichere Parallelen zwischen dem Kunstmärchen Hans Christian Andersens (1837) und der Situation in bestimmten Bereichen der Erwachsenenbildungsszene feststellen. In imaginär prachtvolle Kostüme gehüllt und in beeindruckenden Werbe-und Versprechensbildern inszenieren sich in jeglicher Hinsicht inhaltlich einfallslose Bildungsangebote zu allerlei Themen mit horrenden Preisen. Gespickt mit oberflächlichem Aktionismus, handwerklicher Armseligkeit, fehlendem Grundlagenwissen und pädagogischem Verständnis, wird den bildungshungrigen Kunden/innen fröhlich etwas; ganz in Hans Christian Andersens Manier, welches nur den äußeren Anschein hat, als real und wichtig verkauft. Die erstaunliche Wahrheit ist, dass sich Menschen zunehmend häufiger von derart äußeren Darstellungs- und Erscheinungsbildern blenden lassen.


Als Beobachter/in drängt sich einem der Verdacht auf, als lebten wir in einer Zeit, in der jede/r sich selbst sein/e eigene/r Realitätenbauer/in und Theorieentwickler/in ist (unabhängig davon welchen Beruf - wenn überhaupt - jemand erlernt hat) und auf hohen und höchsten Bildungsschuhen in der Erwachsenenbildungslandschaft herumstöckelt und den/die smarte/n Alleswisser/in mimt. Wichtige Theorien, pädagogisches Basiswissen, methodisch-didaktische Grundlagen oder bewährte handlungsleitende Grundsätze verwandeln sich in diesem märchenhaften Spiel in Trödel, substanzlose Themenbilder, aufgeblasene und verballhornte Be- und Umschreibungen. Hier offenbart sich die Aktualität des Hans Christian Andersens Märchen am allerdeutlichsten?!


Schade nur, dass gar nicht so wenige Bildungswillige - wenn überhaupt - erst sehr spät erkennen, dass sie den/die Clown/in in irgendeinem überflüssigen Bildungszirkus spielen, in dem die jeweils verantwortlich Beteiligten sich wechselseitig vorspielen, wie wichtig und lebensnotwendig es ist, dieses spezielle, neue, besondere, sinn- und wirkungsvolle Bildungsangebot jetzt anzubieten.


Fazit: Was bleibt zu wünschen? Wünschenswert wäre,

  1. wenn es mehr Pädagoginnen und Pädagogen sowie Bildungsinteressierte gäbe, die sich laut und ohne Hemmung gegen den Wildwuchs und das fragwürdige Treiben in der zeitgenössischen Bildungszene auflehnen würden.

  2. dass der überhandnehmende pädagogische Schwindel angesprochen und aufgedeckt wird und es den fragwürdigen Bildner/innen (Pädagogen/innen kann man sie nicht nennen) sowie den Bildungsanbieter/innen die derartige Angebote in den Markt bringen, erschwert wird hohle Inhalte als quasi moderne Geniestreiche vorzuführen.

  3. dass dem Wunsch der Bildungsinteressierten nach qualitätsvoller Basisbildung (in den verschiedensten Bereichen) in der Erwachsenenbildung respektvoll Genüge geleistet wird.

Soviel ist sicher: Talente zur Umsetzung gäbe es genug!


Autor: Manfred Hofferer

Jahrgang 1962, studierte u.a. Bildungs- und Erziehungswissenschaften an der Universität Wien und ist der wissenschaftlich-pädagogische Leiter der Bildungspartner Österreich. In der Vergangenheit engagierte er sich für pädagogische und therapeutische Projekte und Ausbildungen im Sektor Kinder-, Jugend- und Erwachsenenbildung. Nun widmet er sich schwerpunktmäßig pädagogischen Themen vom Ausbildungsabschluss über den Berufseinstieg bis hin zum Arbeitsalltag.

 

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Kommentare: 9
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